BuchcoverTim Weiner erzählt die Geschichte des Kampfes zweier Weltmächte: Macht und Wahn. Der politische Krieg zwischen den USA und Russland seit 1945.

Weiner ist ein amerikanischer Journalist, geehrt mit dem Pulitzer-Preis und dem National Book Award. Seine Sicht ist die amerikanische: “Seit 75 Jahren ringen Amerika und Russland um die Weltherrschaft. Im 20. Jahrhundert gewann Amerika den langen Kalten Krieg, und eine Weile schien es, als wäre dieser Triumph von Dauer und die Freiheit würde überall erblühen.” So beginnt das Buch, und auch auf den Folgeseiten sind die Rollen von Gut und Böse klar verteilt.

Moral und Moneten
Auch wenn die Guten mitunter zu fragwürdigen Mitteln greifen müssen. Weiner zitiert eine geheime Präsidenten-Initiative aus dem Juni 1953 zu Ostdeutschland und Osteuropa. Die CIA solle “die Eliminierung wichtiger Marionettenfunktionäre” unterstützen und Untergrundorganisationen trainieren und ausrüsten, die überall in den sowjetischen Satellitenstaaten “großflächige Angriffe oder anhaltende Kriegshandlungen” ausführen könnten.

Besonders für ostdeutsche Leser interessant sind Weiners Recherchen zur Wiedervereinigung und zur Ausdehnung der NATO nach Osteuropa. Kohl und Bush seien sich einig gewesen, dass Kohl Ostdeutschland mehr oder weniger kaufen konnte – für den amerikanischen Außenminister Baker “das größte fremdfinanzierte Buy-out der Geschichte”. Dabei wird klar, dass die NATO bei ihrer Ost-Expansion vielleicht nicht gegen den Buchstaben geschlossener Vereinbarungen verstoßen hat. Wohl aber gegen deren Geist. Baker: “Ich möchte betonen, dass unsere Politik nicht darauf abzielt, Osteuropa von der Sowjetunion abzuspalten.” Einfluss auf die Erweiterung hatte auch die amerikanische Innenpolitik. Clinton wurde im Land immer unbeliebter, stand unter Druck und brauchte außenpolitische Erfolge.

Fakten und Kapusta

Es passiert viel im Buch. Der Kongo mit dem Mord an Lumumba. Die Ukraine, Georgien, Serbien. Jelzin ruft 1991 während des August-Putsches als Präsident der Russischen Teilrepublik bei NATO-Generalsekretär Wörner an, der gerade eine große Tagung leitet, und bittet um Hilfe der NATO. Clintons Unterstützung für Jelzins Wiederwahl und der darauf folgende ökonomische Absturz des Landes – “ein Kollaps doppelt so schwer wie die Große Depression in den Vereinigten Staaten”. Die Internet Research Agency in Petersburg (Агентство интернет-исследований, M.K.) und ihr Eintreten für Trump. Ein Tweet alle 5 Sekunden, gerichtet an 20 Millionen. Die Demokratie in Gefahr. Weiner schaltet das Blitzlicht ein und leuchtet in dunkle Ecken.

Dort findet das vom Verlag als Politthriller beworbene Buch zahlreiche gesicherte Fakten. Und nutzt für Motive der anderen Seite gelegentlich das Mittel der Kontrast-Bearbeitung. Etwa wenn es Putins Absicht beim Eintritt in den Spionagedienst schildert: “Es war der einzig sichere Weg hinaus aus der winzigen, eiskalten Wohnung in dem grauen Betonblock, wo es nach Kohl und Gemeinschaftstoiletten stank, der einzige Weg für einen jungen Mann ohne Macht und Privilegien, die rutschige Karriereleiter der sowjetrussischen Politik zu erklimmen.”

Zeitfenster einer Chance
Gab es eine Chance, die Konfrontation der beiden Mächte zu beenden? Womöglich Ende 1993, als US-Außenminister Warren Christopher Russland “volle Mitbestimmung bei der zukünftigen Sicherheit Europas” und eine Partnerschaft für den Frieden versprochen hat. Bevor Clinton dann im Januar 1994 den Führern der Visegrád-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn die NATO-Mitgliedschaft in Aussicht stellte. “Der Gegensatz war ziemlich krass, genau wie unsere Doppelzüngigkeit”, zitiert Weiner den Politischen Referenten in der US-Botschaft Moskau Wayne Merry.

Während im Buch die eine Seite grundsätzlich gute Absichten hat, aber manchmal amoralisch handelt, attestiert Weiner der anderen Seite: “Täuschung war die Doppel-Helix der Kreml-DNA.”

Spannende Einblicke, gründlich recherchiert. Und Generalisierungen, die selbst Partei werden im Info-Krieg: “Amerikaner neigen dazu, Krieg und Frieden zu betrachten wie Tag und Nacht. Für die Russen hingegen ist Krieg ein unaufhörlicher Kampf.” Auf die Pferde, Kosaken!

Das Buch ist im Verlag S. Fischer erschienen, hat 349 Seiten und kostet 26 Euro. Die Übersetzung stammt von Christa Prummer-Lehmair und Rita Seuß. Der Link führt auch zu einer Leseprobe.

 

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