Bild zeigt BuchcoverDie DDR hat ausländische Arbeiter ausgebildet und dann einige Jahre in der Produktion beschäftigt. Um die marode Wirtschaft am Laufen zu halten, erzählt das gängigste Narrativ. Der auf Afrika spezialisierte Historiker Ulrich van der Heyden korrigiert dieses Bild: in seinem Buch Das gescheiterte Experiment. Vertragsarbeiter aus Mosambik in der DDR-Wirtschaft (1979–1990). Und hier im Interview.

Herr van der Heyden, sollten die Mosambikaner tatsächlich die DDR-Wirtschaft retten?

Das Motiv fehlender Arbeitskräfte rückte erst in späteren Jahren an vordere Stelle und war auch dann nicht ausschlaggebend, weil das solidarische Element bei diesem einem der größten transatlantischen Arbeitsmigrationsprozesse im Vordergrund stand. Bezieht man die Ausbildung mit ein, die auf Kosten der DDR erfolgte, war es sogar das weltweit größte entwicklungspolitische transkontinentale Projekt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Am Beginn stand die dringende Bitte Maputos, die jungen Leute von den Straßen Mosambiks zu bekommen. Die Situation war so prekär und auf Grund des Bürgerkrieges so lebensbedrohlich, dass deren Regierung dachte, sie am schnellsten als Hilfsarbeiter aus dem Lande zu bekommen. Aber die DDR-Regierung weigerte sich und so kamen die jungen Leute erst einmal in die Betriebe der DDR, um eine Berufsausbildung zu erlangen. Gleichzeitig unterstützte die DDR den jungen afrikanischen Nationalstaat beim Aufbau von Produktionsstätten. Die dritte Säule war die versprochene Abnahme von Produkten nach der geplanten und bereits in Angriff genommenen Errichtung von Industriestätten.

Die Mosambikaner waren nicht die einzigen Menschen aus den Ländern der sogenannten Dritten Welt, die in den DDR-Betrieben ausgebildet wurden und dann noch einige Jahre zur Erlangung von praktischen Erfahrungen für den Einsatz in den Betrieben ihrer jeweiligen nationalen Wirtschaften arbeiteten. Andere Vertragsarbeiter kamen etwa aus Vietnam, Kuba, Angola.

Woher stammt der Name Vertragsarbeiter?
Diesen gab es zu Zeiten der DDR nicht; man sprach von ausländischen Arbeitskräften. Der Begriff wurde erst nach der deutschen Vereinigung eingeführt, um dieses solidarische Projekt zu diskreditieren.

Mosambik wurde 1975 unabhängig. Wie war die Situation im Land?
Es war ein schwach entwickeltes Agrarland mit 1.800 meist sehr kleinen Industriebetrieben, neun Millionen Einwohnern und lediglich mit Anfängen einer verarbeitenden Industrie. Unter der portugiesischen Kolonialherrschaft war es schwarzen Mosambikanern nicht einmal erlaubt, Kfz-Mechaniker zu werden. Eines der wenigen Exportprodukte waren Cashewnüsse, von Hand mit Hämmern aufgeklopft.

Gegen die Kolonialherren aus Portugal hatte seit 1962 eine Unabhängigkeitsbewegung gekämpft, die Frente de Libertação de Moçambique (Befreiungsfront von Moçambique) FRELIMO. Im Nachgang zur portugiesischen Nelkenrevolution erreichte die FRELIMO die Unabhängigkeit des Landes und übernahm dessen Regierung. In direkter Nachbarschaft zum Apartheidstaat Südafrika schlug sie einen vorsichtig sozialistischen Kurs ein und orientierte sich außenpolitisch an den Unterstützern ihres Befreiungskampfes. Wozu neben sozialistischen Ländern auch einige westeuropäische Staaten zählten. Die DDR hatte zum Beispiel Waffen geliefert, 1975 waren das 12.000 Maschinenpistolen und 10 Geschütze. Alles Peanuts im Verhältnis zu den Waffen und militärischen Ausrüstungen, die Portugal und seine Verbündeten in der NATO, so auch die BRD, an die sogenannten Konterrevolutionäre der RENAMO (Resistência Nacional Moçambicana, Mosambikanischer Nationaler Widerstand) lieferten. Die Kosten von sechs Millionen DDR-Mark trug die DDR-Staatskasse, eine Million steuerte das Solidaritätskomitee der DDR bei.

Heute ist die FRELIMO als Partei ein Mitglied der Sozialistischen Internationale und regiert nach mehreren Wahlen noch immer.

Wann kamen die ersten Lehrlinge aus dem Land in die DDR?

Foto Ulrich van der Heyden

Ulrich van der Heyden ist Afrika-, Missions- und Kolonialhistoriker sowie Politikwissenschaftler. Er hat mehr als 60 Publikationen verfasst oder herausgegeben und etwa 200 wissenschaftliche Studien und Beiträge veröffentlicht.

Das war 1978. Es gab jedoch bereits ab 1975 Verträge über Handel und wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, insgesamt rund 80. Kontakte zwischen der FRELIMO und der SED existierten schon länger. Von besonderer Relevanz für die Vertragsarbeiter ist das Abkommen von Anfang 1979 über die “zeitweilige Beschäftigung mosambikanischer Werktätiger”, in der Literatur kurz “Abkommen” genannt, das zu DDR-Zeiten allerdings nicht veröffentlicht wurde, so dass darum viele Spekulationen entstanden.

Von welcher Größenordnung reden wir?
Von 1978 bis 1989 waren insgesamt 750 Mosambikaner ausschließlich zur beruflichen Aus- und Weiterbildung in der DDR. Die Kosten dafür hat die DDR übernommen. Dazu kam eine deutlich größere Zahl von Vertragsarbeitern. Auch für sie war kostenfreie berufliche Weiterbildung vorgesehen. Sie wurden dafür bezahlt von der Arbeit freigestellt. Insgesamt haben rund 21.000 Mosambikaner in der DDR-Industrie gearbeitet, etwa die Hälfte davon hat sich zu Fach- bzw. Teilfacharbeitern qualifiziert. 1987 weilten 7.800 Mosambikaner in der DDR, Ende 1989 etwa 15.500, davon ein Zehntel Frauen.

Staatliche Abkommen sahen eine befristete Aufenthaltsgenehmigung vor, die 1988 auf längstens 10 Jahre erweitert wurde. Auch Studienplätze stellte die DDR zur Verfügung, im September 1990 nutzen das 239 Mosambikaner an Universitäten, Fach- und Hochschulen.

Wo wurden die Vertragsarbeiter aus Mosambik eingesetzt?
Von den 15.111 Vertragsarbeitern 1989 wurden jeweils rund 1/3 in der Schwerindustrie und im Maschinenbau eingesetzt, etwa 1/6 in der Leichtindustrie, die anderen im Verkehrswesen, Bauwesen und in der Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft. Also in nahezu allen wichtigen Industriezweigen. Regional waren die Bezirke Dresden, Halle und Karl-Marx-Stadt besonders stark vertreten.

Sie schreiben, dass gegen Ende das Motiv der Ausbildung in den Hintergrund rückte. Wieso?
Das hatte vor allem Ursachen in Mosambik selbst. Dort hatte die RENAMO einen Bürgerkrieg begonnen. Sie wurde vom Apartheidstaat Südafrika, der alten Kolonialmacht Portugal und westlichen Geheimdiensten alimentiert, so dass manche Wissenschaftler das Geschehen eher als Aggression einordnen. Die RENAMO presste Kinder in ihre Reihen und ist auch sonst für Terror und Brutalität berüchtigt. Die Zahlen über die Opfer der Kämpfe schwanken, viele Quellen gehen von rund einer Million Toter aus. Es gibt konkrete Hinweise, dass auch der BND zur Finanzierung von Waffenkäufen der RENAMO, zur Ausbildung von Führungskräften und anderen Unterstützungsformen beigetragen hat – und somit zum brutalen Bürgerkrieg. Bereits Mitte der 1970er Jahre hatte etwa eine Polizeischule in Augsburg RENAMO-Angehörige ausgebildet.

Durch das ausländische Anheizen des Bürgerkrieges in Mosambik sind wichtige Voraussetzungen der Zusammenarbeit Mosambiks mit der DDR weggeknickt: Der Aufbau von Industriebetrieben im Land war durch den Bürgerkrieg nahezu unmöglich, dadurch gab es keine Einsatzmöglichkeiten für die Rückkehrer. Die vom Westen unterstützte RENAMO ermordete Lehrer und Entwicklungshelfer – auch solche, die aus der DDR kamen. Schulen und landwirtschaftliche oder neu errichtete Betriebe und Eisenbahnverbindungen waren beliebte Ziele für die Zerstörung. So ist es kein Wunder, dass dem Land Produkte für den Export fehlten. Das Land wurde bis 1990 zu einem der ärmsten der Welt.

Wie reagierten die jungen Mosambikaner in der DDR auf die Entwicklungen in ihrer Heimat?

Das sorgte für Unsicherheiten, Angst, Empörung. Viele der Vertragsarbeiter versuchten auf ihre Weise, ihrer Familie zu helfen. Sie meldeten sich zu den gut bezahlten Sonderschichten, um von dem Geld Konsumgüter zu kaufen und ihren Familien zu senden.

Haben die Vertragsarbeiter in der DDR viel verdient?

So viel wie ihre deutschen Kollegen, auch was Prämien und Kindergeld betrifft und die kostenlose Nutzung der Sozialsysteme. Sie haben somit DDR-typisch oft weitaus mehr als gleichaltrige Akademiker mit deren Einstiegsgehältern zwischen 700 und 800 DDR-Mark brutto verdient. Weil uns das heute niedrig vorkommen mag: Auch bei einem Einkommen von 500 Mark war in der DDR niemand von Armut bedroht, da Mieten und viele Preise subventioniert waren. In meinem Buch habe ich viele der zugänglichen Zahlen der monatlichen Verdienste der Vertragsarbeiter angeführt. Man möge sich dort kundig machen.

Der DDR wird vorgeworfen, sie hätte einen Teil der verdienten Gelder einbehalten. Stimmt das oder stammt es aus der Kiste mit Fake News?
Es werden heute oftmals im großen Umfang die Ursachen und Absichten der afrikanischen Entsendestaaten missachtet, die zum Abschluss der relevanten Regierungsabkommen mit der DDR führten. Selbstverständlich verfolgten die Regierungen der entsendenden Staaten ihre eigenen nationalen Interessen, sei es bei den Transfers eines Teils des erarbeiteten Lohns oder bei solchen Vertragsfestlegungen, die den Versuch der intensiven – bis hin zu sexuellen – Kontakte ihrer Landsleute zu DDR-Bürgern unterbinden oder zumindest erschweren sollten. Am wenigsten sind diesbezüglich die Haltungen der dafür verantwortlichen DDR-Bürger zu kritisieren, wenn sie auf die Vorstellungen und Forderungen ihrer Verhandlungspartner eingegangen sind. Wer dieser Einschätzung nicht zustimmt, der sollte sich die Protokolle der damaligen Verhandlungen ansehen oder die Beteiligten befragen. Und einmal überlegen, welche paternalistischen Haltungen er vertritt.

Eine derjenigen Persönlichkeiten aus dem Osten Deutschlands, die sich nach der Wende am intensivsten mit der Problematik der Vertragsarbeiter auseinandersetzten mussten, Almuth Berger, antwortete in einem Interview auf die Frage, ob die Mosambikaner “Opfer des Freundschaftsvertrages” zwischen der DDR und Mosambik geworden waren oder ob sie von ihrem Einsatz in der DDR-Wirtschaft profitiert hätten: “Natürlich haben die mosambikanischen Vertragsarbeitnehmer auch davon profitiert. Es war eine wichtige Hilfe, wenn sie einen Arbeitsplatz bekamen und etwas verdient haben. Und auch wenn sie nicht die erhoffte Facharbeiterausbildung erhielten, haben sie natürlich etwas gelernt. Außerdem konnten sie Pakete nach Hause schicken und bei der Rückkehr bestimmte Güter – z.B. einen Kühlschrank – mit nach Hause nehmen. Insofern war das schon eine echte Hilfe für sie, das sagen sie bis heute. Das bestätigt auch der große Andrang, es wollten viele in der DDR arbeiten, um diese Chancen wahrzunehmen.”

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Ja, das in der Literatur bekannte Beispiel des ehemaligen Vertragsarbeiters Moisés Pinto Rendição, der zu seinen Verdienstmöglichkeiten in den DDR-Betrieben folgendes einem Journalisten zu Protokoll gab: “Er arbeitete im Schichtbetrieb: von 6.30–16.00 Uhr mit einer Stunde Mittagszeit. In der folgenden Woche: von 18.30–4.00 Uhr, freitags von 16.00–20.00 Uhr. Samstags trank er ‚Pilsner’ mit den Freunden, rauchte ‚Cabinet’… In den ersten beiden Monaten bekam er 1.600 Mark. Danach wegen der Transfers am Siebten oder Achten des Monats 125 Mark Prämie, am 14. je nach Leistung zwischen 400 und 500 Mark und am 27. des Monats 300 Mark zusätzlich für jeden Arbeiter.”

Nicht nur an diesem Beispiel kann man ersehen, dass der auch in der wissenschaftlichen Literatur oft wiederholte Vorwurf, die DDR hätte die Mosambikaner als Billig- oder sogar Zwangsarbeiter ausgebeutet, unsinnig ist und damit die vielen DDR-Bürger, die sich um die jungen Leute kümmerten, beleidigt.

Wie entstehen solche Zerrbilder?
Das hat mehrere Ursachen. In der DDR wurde wenig zum Thema geforscht. Dennoch vorhandene Erkenntnisse wurden dann wie viele Leistungen geisteswissenschaftlicher Forschung nach der Wende abgewertet oder komplett negiert. Sich zu Wort meldende Zeitzeugen fanden nach der Wende bzw. der deutschen Vereinigung nur dann Gehör in den etablierten Medien, wenn sie über tatsächliche oder angebliche Missstände sprachen. Solche Äußerungen entwickeln dann gern ein Eigenleben und gelangen aus den als Qualitätsmedien eingeschätzten Publikationen in die wissenschaftliche Literatur und in den Zitate-Kreislauf, oft unter Missachtung der historischen Fakten und von Zusammenhängen. Sie sind gefragt, wenn sie ein erwünschtes Narrativ bedienen. Die vorherrschende Erzähllage hat zum Beispiel dazu geführt, dass ein aus dem Westen stammender Historiker einen unglücklichen Todesfall zu einem staatlich verschwiegenen, ungesühnten Mord durch DDR-Nazis umfantasieren konnte und damit viel Medien-Echo fand.

Sie meinen den Fall Manuel Diogo.
Ja – aber das ist nur ein, wenn wohl das krasseste Beispiel. Die Berliner Zeitung hat in einer spannenden und lesenswerten Recherche nachgewiesen, dass die Mord-Version, ausgedacht von mit der Verbreitung solcher Fake News Geld verdienenden, zumeist aus den alten Bundesländern stammenden Menschen, falsch und deren ungeprüfte Verbreitung durch Medien, wie beispielsweise in einer vom MDR mehrfach ausgestrahlten Dokumentation, blamabel ist. Die beiden Autorinnen der Berliner Zeitung Anja Reich und Jenni Roth waren wegen ihrer Rechercheleistung auf der Shortlist für den diesjährigen Nannen-Preis, einer hoch angesehenen journalistischen Auszeichnung.

Haben Sie noch weitere Beispiele für irreführende Berichte?
Davon gibt es viele; einige dieser Fake News habe ich in meinen Publikationen widerlegt und auch versucht darzustellen, wie und warum diese entstanden. So etwas kann man bei Journalisten noch verstehen, denn diese müssen ja, um ihre Miete bezahlen zu können, immer wieder neue “Sensationen” (er)finden. Das ist am einfachsten am Beispiel der DDR möglich, denn wer sollte ihnen widersprechen? Dass sich dieses Verhalten auch in der Wissenschaft breitgemacht hat, ist – ohne meine Kritik an die Verfasser solcher Texte, Gutachter, Verleger etc. zurückzunehmen –nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass keine andere Berufsgruppe aus dem Spektrum der Geisteswissenschaftler nach der staatlichen deutschen Vereinigung so rigoros “abgewickelt” worden ist wie die Zunft der ostdeutschen Historiker, und natürlich darauf, dass solche “Forschungen” über Stasi, Mauer, Unrecht und ähnliche Themen von staatlichen Institutionen des heutigen Deutschlands mit Millionen Euro alimentiert werden.

Sehen wir uns nur die oftmals behauptete Ghettoisierung oder Kasernierung der Vertragsarbeiter bis hin zum angeblichen institutionalisierten Rassismus gegen sie an. Der wahre Kern: Die Vertragsarbeiter lebten zumeist tatsächlich in Wohnheimen und hatten dadurch relativ wenig Privatsphäre. Das kennt aber auch jeder, der in einem Arbeiterwohnheim oder Studentenwohnheim gewohnt hat. Nach diesem Kriterium hätte ich auch vier Jahre während meines Studiums in einem Ghetto oder in einer Kaserne gelebt.

Die vorgegebenen Ausstattungsstandards der Wohnunterkünfte der ausländischen Werktätigen sind eingehalten worden. Das Abkommen regelte etwa, wie viele Menschen in einem Zimmer leben durften und zu welcher Miete: maximal zu viert und zu einer Miete von höchstens 30 Mark. Auch die viel verleumdeten Pförtner und Besuchskontrollen entsprachen dem Standard in Arbeiter- und Studentenwohnheimen. Und die Vertragsarbeiter waren in ihrer Freizeit mobil vom Erzgebirge bis nach Rügen.

Wie sah es mit Liebesbeziehungen aus und beim Thema Ehe?
Dass Eheschließungen von Ausländern mit DDR-Bürgern schwierig waren, ist bekannt. Auch heute stoßen Heiratswillige mit unterschiedlicher Nationalität auf jede Menge Bürokratie. Im Falle Mosambiks hat die dortige Regierung erst 1989 Eheschließungen mit DDR-Bürgerinnen erlaubt – falls auch die Eltern der Mosambikaner damit einverstanden waren. Mosambikanische Männer haben natürlich auch ohne Eheschließung Kinder mit deutschen Frauen gezeugt; Schätzungen gehen von 1.500 bis 1.800 aus.

Wenn mosambikanische Frauen schwanger wurden, mussten sie nach Hause zurückkehren oder abtreiben. Das war aber nicht deshalb festgelegt worden, weil die DDR-Bonzen dies so wollten, sondern, weil dies der Wunsch der mosambikanischen Regierung war. In Afrika gibt es in diesen Fragen eine andere Tradition und unterschiedliche Vorstellungen von Ethik. Diese zu respektieren, war eine Grundlage der DDR-Afrikapolitik. Das können anscheinend diejenigen, die in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, wo offener Rassismus kaum bestraft und Streben nach Geld die oberste Maxime ist, nicht verstehen. Im Übrigen wollte noch im Sommer 1989 Erich Honecker das Problem der Abtreibungen bei einem Treffen mit dem Staatschef Mosambiks besprechen – was aber aus den bekannten Gründen nicht mehr realisiert werden konnte.

Gab es in der DDR Rassismus?
Es gab rassistische Äußerungen und Handlungen, wie überall auf der Welt. Deppen und Böswillige gibt es in jedem Land. Aber es gab keinen Rassismus, was ja bedeutet hätte, dass ein wie auch immer von Menschen initiiertes und getragenes vernetztes Anschauungs- und Wirkungsmuster vorhanden gewesen wäre. Dies gab es jedoch nicht in der DDR! Oder existiert etwa ein Beleg dafür, dass es rassistische Literatur, ausländerfeindliche Gesetze oder Verordnungen, dass es öffentliche Reden und Vorträge mit fremdenfeindlichem oder rassistischem Inhalt gab oder dass es offiziell Missachtung von rassistisch gefärbten Straftaten gegeben hat?

Selbst “einfache” rassistische Äußerungen wurden gesellschaftlich und juristisch geächtet bzw. geahndet. Deren Verbreiter wurden nicht staatlicherseits toleriert, wie heute oftmals, ohne Belege anführen zu können, behauptet wird. Straftaten wurden verfolgt, ob sie von Deutschen oder Vertragsarbeitern ausgingen. Mitunter haben Behörden und Gesellschaft allerdings nicht offensiv genug auf Gerüchte reagiert. So wurde etwa in Eisenach einigen Afrikanern der Zutritt ins Schwimmbad verwehrt, nachdem das Gerücht umging, dass sie von ansteckenden Würmern befallen seien. Im VEB Weimar-Werk wurde ein Computer zur Verbreitung ausländerfeindlicher Losungen genutzt. Untätig blieben die Behörden aber nicht: Die Kripo leitete gegen den Hetzer ein Ermittlungsverfahren ein, der Verursacher wurde angeklagt und verurteilt.

Wer sich die Mühe macht, alle relevanten Akten auszuwerten, findet, dass alle Zwischenfälle mit ausländischen Vertragsarbeitern, wenn sie zur Anzeige gelangten, von Polizei und Justiz geahndet und zuweilen auch “gesellschaftlich” ausgewertet wurden, das heißt durch Gespräche in Schulen und Arbeitskollektiven. Bei Provokationen und tätlichen Auseinandersetzungen waren auch nicht immer die Deutschen die Täter und die Ausländer die Opfer.

Viele Zeitzeugen unter den Vertragsarbeitern erinnern sich, dass sie von ihren deutschen Kollegen überaus herzlich aufgenommen und behandelt wurden. Das soll nicht in Abrede stellen, dass auch in der DDR Fremdenfeindlichkeit existierte. Für beides finden sich Belege in meinem Buch. Doch die Fremdenfeindlichkeit war die Ausnahme und wurde nicht staatlich ermuntert. Noch einmal ausdrücklich: Es gab rassistische Ressentiments, jedoch keinen der Gesellschaft inhärenten Rassismus. Auch deshalb genoss die DDR bei den sogenannten Entwicklungsländern bis heute viel Vertrauen.

Was sagen ehemalige Vertragsarbeiter über ihre Erfahrungen und ihr Leben in der DDR?
Es ist wirklich verwunderlich, warum heute die damaligen Äußerungen der Betroffenen, also in der Zeit nach Mauerfall und deutscher Vereinigung, nicht zur Kenntnis genommen werden. Dabei gibt es Belege dafür, die zum Teil krass dem heutigen Narrativ über die Vertragsarbeiter gegenüberstehen, wie – ich zitiere aus schriftlich belegbaren Quellen – dass sie in “Ostdeutschland heimisch” geworden seien und “fast nur gute Erinnerungen an diese Zeit haben”, von einer “zweiten Heimat”, die sie zurücklassen mussten, ein anderer sprach von einer zeitweiligen Heimat, “wo mein Leben glücklich war, wo es Freundschaft, Respekt und Menschenwürde gab”. Auch das Wort “Paradies” wird von einigen Vertragsarbeitern in diesem Zusammenhang immer wieder gebraucht. Andere “erinnern sich gern an die Zeit als Student oder Vertragsarbeiter in der Deutschen Demokratischen Republik”. Anfang der 1990er Jahre gab es noch Stimmen, die über den Sender gehen konnten, in denen es zum Beispiel hieß: “Die DDR ist für mich, das kann ich sagen, ein Land, welches mich lehrte zu leben.” Und: “Ich möchte mich bei den Deutschen dafür bedanken, dass sie mir alles beigebracht haben.” Eine “Ehemalige” hat mir gesagt, dass sie ewig dankbar dafür sei, die Möglichkeit erhalten zu haben, in der DDR zu lernen, zu arbeiten und zu leben.

Weitere Beispiel lassen sich ohne viel Aufhebens finden. Aber glauben Sie nicht, dass diese Aussagen in heutigen Veröffentlichungen zitiert werden!

Ich habe 1989/90 in der Konsularabteilung des DDR-Außenministeriums gearbeitet. Und auch ich erinnere mich nicht, in den Akten zu kriminellen Vorfällen mit Ausländern etwas gelesen zu haben, was auf Versuche einer Vertuschung schließen ließe.
Trotzdem wird jeder schnell fündig, der nach institutionellem Rassismus in der DDR googelt. Hinter diesem verfälschten Narrativ steckt entweder Dummheit oder politische Absicht. Wer heutige Ausländerfeindlichkeit mit einer DDR-Sozialisation erklärt, lenkt von den sozialen und ökonomischen Verwerfungen der Nachwende-Zeit ab. Und davon, dass es in der alten Bundesrepublik genügend Fälle von Rassismus und Antisemitismus gegeben hat, den man nun meinte auch in der DDR suchen zu müssen. Wo man so etwas nicht fand, musste halt mit Erfindungen und Übertreibungen nachgeholfen werden. Manches ist dabei nachgerade skurril.

Wie meinen Sie das?
Ich denke an den angeblichen Beleg für die Fremdenfeindlichkeit der DDR, Vietnamesen wären bereits dort rassistisch als Fidschis verunglimpft worden. In der DDR wurde Vietnamesen mancherorts umgangssprachlich Vitis genannt – so wie es heute auch Ossis, Wessis, Spätis gibt; damals übrigens auch schon. Je nach Dialekt wurde daraus Vittis oder Vittschis. Ehe mutmaßlich ein westdeutscher journalistischer Landerklärer daraus Fidschis machte. Das Wort nahm ein Eigenleben an und wurde zu dem heute tatsächlich oft abwertend gemeintem rassistisch konnotiertem Begriff. Der Blog Politplatschquatsch führt das Wort auf einen Spiegel-Artikel von 1990 zurück, aus dem sich dann andere Medien bedient hätten.

In einem Addendum zu Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Verfälschung der Geschichte der Vertragsarbeit kein Einzelfall ist.
Heiner Müller, der übermäßigen Sympathie für die DDR unverdächtig, hat geschrieben: “Ein Kadaver kann dem Obduktionsbefund nicht widersprechen.” Und: “Auf den toten Gegner kann man jedes Feindbild projizieren, das vom Blick in den Spiegel abhält.” Beispiele gibt es zuhauf. Wie das einer züchterischen Kontinuität von KZ-Wachhunden mit Hunden in sowjetischen Lagern bis zu denen der DDR-Grenztruppen. Was sich als Fälschung herausgestellt hat. Oder der Vorwurf an die DDR, sie hätte Bürger als Versuchskaninchen an die Pharmaindustrie verscherbelt. “Wie ein Zuhälter verkaufte die Regierung ihre kranken Bürger und prostituierte das Land als Versuchslabor”, schrieb der “Spiegel”. Eine Expertenkommission fand dann heraus, dass es keine Verstöße gegen ethische und juristische Standards gegeben hatte. Und dass das entsprechende normative Regelwerk der DDR dem westdeutschen um Jahre voraus gewesen war. Oder die zahllosen Versuche, die DDR mit internationalem Terrorismus in Verbindung zu bringen. Das beeinflusst natürlich auch Wissenschaftler, die die Artikel eines angesehenen Nachrichtenmagazins nicht mehr hinterfragen. Dagegen hilft nur akribische, unverdrossene Quellenarbeit.

Mit dem Ende der DDR kam auch das Ende der Vertragsarbeit für die Mosambikaner.

Von der Bundesregierung kamen bei vertraulichen Gesprächen mit der letzten DDR-Regierung zu diesen Fragen deutlich ablehnende Signale. Die erste und letzte Ausländerbeauftragte der DDR Almuth Berger handelte dann mit der Regierung Mosambiks einen Vertrag aus, der die Entscheidung über eine Weiterbeschäftigung an die Betriebe delegierte. Die Regierung hatte sich damit ihrer Verantwortung auf leichte Art entledigt. Allein innerhalb des Jahres 1990 verließen 12.300 Vertragsarbeiter die DDR bzw. das vereinte Deutschland in Richtung Heimat. Im Dezember 1990 verfügte weniger als ein Drittel der Mosambikaner in den neuen Bundesländern noch über einen Arbeitsvertrag.

Die Betriebe waren laut Einigungsvertrag verpflichtet, den aus dem Betrieb ausscheidenden Vertragsarbeitern eine Abfindung in Höhe von 3.000 DM und zusätzlich drei Mal 70 Prozent des letzten Nettolohns zu zahlen sowie den Rückflug zu organisieren. Bleibewillige waren auf das Gebiet der DDR beschränkt und mussten sich selbst eine neue Wohnung suchen und eine Arbeitsstelle finden, wobei vielen dieses eingeschränkte Bleiberecht unbekannt war.

In der Heimat trafen die deutschen Mosambikaner oder Madgermans, so die spätere Selbstbezeichnung, auf zahlreiche Schwierigkeiten, von fehlenden Arbeitsplätzen bis zu veruntreuten Überweisungen. Versuche, eine Unterstützung über die bundesdeutsche Botschaft oder Hilfsorganisationen zu organisieren, scheiterten.

Und jetzt?
Es wäre für die neue Bundesregierung eine gute Idee, die nun offensichtlich gewordenen Probleme anzugehen. Aber dafür ist Voraussetzung, die Realität der Ausbildung und des Einsatzes der Vertragsarbeiter in der DDR-Wirtschaft anzuerkennen. Da habe ich meine Zweifel, dass man sich dazu durchringen kann. Denn das negative Narrativ hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten so vertieft, dass selbst Abgeordnete der Linkspartei die entsprechenden von der Rosa-Luxemburg-Stiftung finanziell unterstützten Forschungen nicht zur Kenntnis nehmen und persönlich vorgetragene Erklärungs- und Diskussionsangebote negieren. Und durch einen Antrag im Deutschen Bundestag mit der Bezeichnung “Neubewertung und Anerkennung der Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland für ehemalige mosambikanische Beschäftigte in der DDR” erneut aufzeigen, wie wenig Kenntnis über das entwicklungspolitische Engagement der DDR auch unter den Linken existiert. Sie machen sich nicht nur lächerlich, sondern liefern in ihrer Unkenntnis den rechten Kräften (denn die angeblich ihre Unterstützung erlangen sollenden Madgermans protestieren inzwischen z.T. mit Hakenkreuzfahnen durch Maputo) Munition und bewirken vor allem für diejenigen Menschen, denen sie eigentlich vorgeben helfen zu wollen, das Gegenteil.

Im Jahre 2016 existierten übrigens von den 242 Betrieben der DDR mit mosambikanischen Vertragsarbeitern noch ganze 67. Und nur in sechs von ihnen arbeiteten noch einige Mosambikaner.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Buch ist im Leipziger Universitätsverlag erschienen, hat 725 Seiten und kostet 42,50 Euro.


Nachbemerkung:

Bei Recherchen zum Interview habe ich auch mit Ralf Straßburg und Hannelore Butters gesprochen. Straßburg war im Staatssekretariat für Arbeit und Löhne der DDR zuständig für das Thema Vertragsarbeit und wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit mit Mosambik. Butters war als Mitarbeiterin des Ministeriums für Außenhandel der DDR für den Im- und Export mit Mosambik verantwortlich. Exporte und Importe wurden laut Butters dabei zunächst auf der Basis von Clearing-Abkommen miteinander verrechnet. Durch den Bürgerkrieg konnte Mosambik in späteren Jahren kaum noch Güter exportieren. Deshalb habe Mosambik laut Butters dann seine Importe mit einem Teil der Transfer-Gelder bezahlt, die das Land von seinen Staatsbürgern erhoben hat. Straßburg und Butters sagen, dass die DDR ihren Teil der vertraglichen Abmachungen sowohl gegenüber den Vertragsarbeitern als auch der Regierung Mosambiks korrekt erfüllt hat. Unkorrektheiten bei der Rückzahlung von Transfergelder an Rückkehrer seien der Situation in Mosambik geschuldet und von der DDR weder beabsichtigt noch zu verhindern gewesen, zumal nicht nach deren Auflösung.

 

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