Psychoanalyse und Tiefenpsychologie befassen sich mit dem Unbewussten. Wie es ihnen damit in Osteuropa ergangen ist, wo doch das Sein das Bewusstsein zu bestimmen hatte, untersucht Andreas Petersen: „Der Osten und das Unbewusste. Wie Freud im Kollektiv verschwand“.

Bild zeigt CoverWer den neuen Menschen schaffen will, nimmt Unterstützung dort, wo er sie findet. Leo Trotzki verkehrte in Wien im Salon des Freud-Schülers und -Abtrünnigen Alfred Adler. Nach der Oktoberrevolution unterstützte Trotzki die Nutzung psychoanalytischer Erkenntnisse in Russland. Es ist die Zeit der Experimente. In Moskau entsteht das Detski Dom (Kinderhaus), der Versuch, Kinder mittels Freud und Marxismus zu revolutionären Gestaltern heranzuziehen – laut Petersen ein Funktionärskinderladen.

Gegründet werden ein Klinisch psychotherapeutisches Institut, die Russische Psychoanalytische Vereinigung, ein Psychoanalytisches Kinderambulatorium, … Salkind, der Leiter des Instituts, habe analysiert, dass 90 Prozent seiner bolschewistischen Patienten neurologische Störungen aufwiesen; für den Therapeuten ein Indiz für Überarbeitung. Er empfiehlt verstärkte Parteierziehung. Und die Umsetzung der von ihm entwickelten zwölf Sexualgebote, um sich nicht von sexuellem Fetischismus ablenken zu lassen.

Trotzki fällt in Ungnade, Psychoanalytiker werden als Trotzkisten verfolgt. Alfred Adlers Tochter stirbt 1942 in einem Gulag. Statt Freud ist Pawlow in Mode, der Verhalten als Ausdruck von Reflexen sieht, die sich auch erlernen, konditionieren lassen. Der abgerichtete Mensch, der wie ein Pawlowscher Hund in die richtige Richtung beißt und bellt?

Petersen springt munter zwischen Zeitabschnitten und Ländern und bietet dabei verblüffende Erkenntnisse: Die ungarische Räterepublik Béla Kuns 1919 bringt Analytiker in Leitungspositionen und förderte die Psychoanalyse. Die Tschechoslowakei des Prager Frühlings schafft Wochenkrippen ab und verlängert den Mutterschaftsurlaub, um die Familie wieder an die erste Stelle zu setzen. Die Psychiatrische Klinik in Rumänien ist „einer der Abgründe von Dantes Hölle“. Ein Securitate-Mann bittet einen Arzt, einen Studenten für verrückt zu erklären, denn wenn dieser nicht verrückt wäre, müsste er ihn nach einer kritischen Äußerung verhaften. Die BRD ist eine “durchtherapierte Gesellschaft”, die DDR ist wie Osteuropa “sowjetischer Nachvollzug”.

Petersen streift die Psychoanalyse in den USA und die Versuche Marcuses, sie mit dem Marxismus zu verbinden, ehe sie dann nur noch ums eigene Selbst und die Selbstverwirklichung kreist. Er beschreibt die schwierige Situtation von Therapeuten in sozialistischen Ländern. So sei Gruppentherapie allmählich wie im Westen zum Standard geworden – aber mit der Dauergefahr, dass jemand aus der Gruppe das Besprochene weitertrage könnte.”Man konnte den Patienten nicht empfehlen, alles zu sagen”, zitiert Petersen die Nervenärztin und analytische Gruppentherapeutin in der DDR Irene Misselwitz.

Der russische Soziologe Levinson meint, “dass der Durchschnittsrusse an offensichtliche psychologische Antriebe glaubt, die Westler an verdeckte Faktoren” –
– das Unbewusste. Die russischen Intellektuellen seien mehrheitlich auf der Entwicklungsstufe vor Freud stehengeblieben, zitiert Petersen Alexander Etkind, einen Kenner der Geschichte der russischen Psychoanalyse, zur Bestätigung des Befunds.

Die unzähligen schriftlichen und mündlichen Quellen verarbeitet Petersen zu spannenden Einsichten in Zeit- und Lebensläufe. Das ergibt bunte Tupfer, deren Schillern dem Betrachter gelegentlich den Überblick erschwert.

Das Buch ist im Verlag Klett-Cotta erschienen, hat 352 Seiten und kostet 25 Euro. Der Link im vorigen Satz führt auch zu einer Leseprobe.

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