Bild zeigt BuchcoverEin Journalist verzweifelt an den Leitmedien und verliert die Lust am Beruf. Wie das geschehen kann, beschreibt als Insider Birk Meinhardt: “Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch”.

Heißa, was für eine Freude. Endlich schreiben zu können, wie einem der Griffel gewachsen ist. Und damit auch noch gedruckt zu werden statt wie weiland in der DDR geduckt. Wie damals, als der große FC Barcelona mit Maradona und Bernd Schuster beim [ebenfalls großen, so viel Zeit muss sein, MK] 1. FC Magdeburg spielt. Und die Junge Welt das flockige Interview Meinhardts mit Schuster nicht bringt, weil zu wenig Klassenkampf drin ist.

Birk Meinhards Schreibe fällt trotzdem auf. Er geht 1992 zur Süddeutschen Zeitung und bleibt dort bis 2012. Zunächst ist er für Sport zuständig, später auch für andere Reportagen. Dass er über einen Westberliner Immobilienfürsten so schreibt, dass dieser als Antwort Inserate für 500.000 DM storniert, ist für die Süddeutsche und deren Chefredakteur kein Problem. Meinhardt erhält zweimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis – eine angesehene, mit 10.000 Euro dekorierte Auszeichnung. Durch den Preis geadelt, wird Meinhardt nicht mehr zu Reportagen geschickt. Er wird gefragt, ob er sie machen möchte. Also alles in Butter? Scheint so.

Aber manchmal schmeckt es ranzig. Meinhardt seziert das Unbehagen. Da ist 2004 die geplante dreiteilige Reportage über die Deutsche Bank. Er verwendet Monate auf die Recherche, schreibt den ersten Teil und fliegt ans andere Ende der Welt in den Urlaub. Als er wiederkommt, ist die Reportage nicht erschienen. Der Leiter des Wirtschaftsressorts hatte Einwände. Meinhardt druckt seinen Text jetzt im Buch – wie auch den der anderen Beispiele: Eine Bank will das unrentable Mittelstandsgeschäft loswerden, verlegt sich aufs Spekulieren, verzockt sich, Bankmenschen werden über Boni trotzdem reicher. Meinhardt beschreibt seine Mailwechsel mit dem Ressortchef, die zu nichts führen. Und seine Selbstberuhigung, dass er die Argumente schon aus dem Weg geräumt hätte, wäre er nicht im Urlaub gewesen.

Das nächste Stolpern dann 2010: ein Text über zwei Fehlurteile gegen Menschen, die womöglich etwas auf dem Kerbholz haben, aber nicht die ihnen zur Last gelegten Taten. Die Urteile passen gut in den bereits damals laufenden Kampf gegen Rechts. In Meinhardts Text kommen der Richter, die Kanzlerin, der Bundesanwalt, der Vorsitzende des Vereins “Gesicht zeigen” und der Moderator Jauch nicht gut weg. Eben stand der Chefredakteur noch mit Jauch auf einem Stehempfang zusammen, und jetzt das? Und schadet der Artikel nicht den höchst ehrenwerten Anliegen des Vereins? Ob’s so oder anders gelaufen ist, der Text kreißt noch ein bisschen und endet als Totgeburt.

Meinhardt schreibt dennoch weiter für die Zeitung. 2013 kündigt er dann, um sich auf einen Roman zu konzentrieren. Und freut sich eines Verlags, der ihm die Hoheit über seinen Text belässt. Dann versucht er es bei der Süddeutschen doch noch einmal, als freier Mitarbeiter. Seine Reportage über die US-Militärbasis Ramstein und die von dort aus unterstützten Tötungen per Drohne von Terroristen und Zufallsopfern erscheint ebenfalls nicht. Von weiterer Zusammenarbeit nimmt die Zeitung “aus juristischen Gründen” Abstand. Was kein Vorwand sein muss; die Interessenlage von festen und freien Mitarbeitern ist oft eine kitzlige.

Das Buch betreibt keine generelle Journalisten-Schelte und lässt Meriten dort, wo sie hingehören. Meinhardt bringt aber auf den Punkt, was viele an den Leitmedien zweifeln lässt: Wie sich Eisenspäne auf einen Magneten ausrichten, richten sich viele Journalisten auf vorherrschende Meinungen aus. Sie skandalisieren Demonstrationen wie die in Chemnitz, nicht aber die ihnen vorausgegangene Tat. Sie wettern gegen Trump und schweigen, wenn er den Irak-Krieg einen großen Fehler nennt. Sie schreiben ihre Meinungen voneinander ab – als Beleg bringt Meinhardt inhaltlich auf identische Art falsche Rezensionen seines Romans. Journalisten unterziehen sich aus Opportunismus, Bequemlichkeit und Selbstschutz einer Selbstbescheidung, die in ähnlicher Form auch in der DDR üblich war. Der Vorwurf, das Geschäft des Klassenfeinds zu besorgen, ist abgelöst vom Vorwurf, den Rechten zu nützen. Der Grat zwischen journalistischem Ethos und Zensur ist schmal.

Meinhard zitiert einen befreundeten Anwalt, offenbar ist Rolf Henrich gemeint: „Desillusionierung ist Fortschritt.“ Meinhardts Verlust ist der Verlust von Illusionen. Ein locker und mitreißend geschriebenes Buch über Journalismus, Selbstzweifel und Verhaltensmuster.

Das Buch ist im Verlag “Das Neue Berlin” erschienen. Die dritte Auflage ist derzeit im Druck.

 

Einen Kommentar hinterlassen

Your email address will not be published.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>