Bild zeigt BuchcoverOstmänner sind Probleme auf Beinen? Von wegen. Dass es auch richtig klasse Kerle gibt, will Greta Taubert zeigen: Guten Morgen, du Schöner. Begegnungen mit ostdeutschen Männern.

Der Titel ist natürlich eine Hommage an Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne von 1977. Wander, in Kleinmachnow gestrandete Österreicherin, lässt darin 19 Frauen erzählen – von ihrem Leben, ihren Gedanken. Die literarisch verdichteten Gesprächsprotokolle brachten damals einen völlig neuen Ton in die Literatur von Springers Gänsefüßchenland zwischen Elb- und Oderstrand. Durch die Offenheit, die Vielfalt, die Ehrlichkeit, die Darstellung von Widersprüchen und Unsicherheiten wurde das Buch zum vom Publikum geliebten Glanzlicht. Jetzt möchte Greta Taubert in ihrem Buch die Söhne der Schönen zu Wort kommen lassen, schreibt sie im Vorwort. Denn: “Alle Männer, die ich liebe oder je geliebt habe, sind Ostdeutsche.”

Taubert, Journalistin, Jahrgang 1983, ist eine der Gründerinnen der Initiative Wir sind der Osten. Die Initiative will dem Medienbild von unzufriedenen, AfD wählenden Wut- und Hutbürgern eigene, “fortschrittliche” Geschichten des Gelingens entgegenstellen. Auch Taubert hat für ihre Porträts nach solchen Geschichten gesucht und nach Verbindungen zwischen Männlichkeit und Ostdeutschsein. Denn schließlich sei die Wende auch eine “flächendeckende Enteierung” männlicher Autoritäten gewesen. Und so “[...] verabrede ich mich einfach wild drauflos. Mit Männern, die ich gar nicht, ein bisschen und gut kenne.”

Dritte Generation Ost
Die sechzehn Porträtierten sind zwischen 33 und 59, die meisten haben die DDR nur als Kind erlebt – die sogenannte Dritte Generation Ost. Taubert findet sie über Bekannte, Freundinnen, Facebook, sogar Tinder ist kurz in Gebrauch. Einen, der sie trollt und vollspammt mit Nachrichten über richtige Männer, bespammt sie zurück, bis er einverstanden ist, sie zu treffen. Sie porträtiert ihn dann mit viel Distanz, aber ohne ihn zu denunzieren.

Die Porträts sind durchweg spannend, ob Musiker, Lehrer, Polizist, Puppenspieler, Bürgermeister, Friseur, Hotelmanager oder arbeitslos. In jedem finden Leser Sätze, denen sie hinterhergrübeln können. Etwa wenn Micha meint: “Wenn ich eine starke Westfrau treffe, sind die oft mega-psychologisch und feministisch und reflektiert, aber sie verbleiben in einer Grundhaltung des Kampfes und der Konkurrenz, in der man nie sein Visier vollständig öffnet.” Oder Thomas: “Heutzutage hätten sie mir bestimmt ADHS unterstellt und irgendwelche Medikamente gegeben. Aber das gab’s früher nicht. Da wurden alle mit durchgeschleift.” Der vielleicht allgemeingültigste Satz kommt von Dirk: “Aber für den Ostdeutschen hat sich alles verändert – im Guten und im Schlechten.”

Zwei der Porträtierten bezeichnen sich als Aktivisten – was wohl nur ältere Semester auf der Universität des Lebens lustig finden, so wie der Rezensent. Für die jungen Leser des Blogs (und ihrer sind Hunderttausende, ach Millionen) sei erklärt: Aktivist oder ausführlicher Aktivist der sozialistischen Arbeit war früher eine Auszeichnung mit Medaille und Geldprämie. Für besonders gute Arbeit. Oder manchmal auch nur dafür, dass jetzt mal ein anderer dran sein musste mit der Ehrung.

Porträts plus
Bei Maxie Wander stehen die Porträts noch pur und für sich selbst. Greta Taubert schiebt erläuternde Zwischentexte ein: wer sie mit dem Porträtierten zusammengebracht hat. Dass er wie ein hellenistischer Halbgott aussieht. Was andere (Ost-)Journalisten zum Ostmann schreiben. Was Studien herausgefunden haben. Dass Ostmänner mehr im Haushalt machen, mehr Elternzeit nehmen, keine Hausfrau zur Partnerin wollen, sich schlecht vermarkten können, vielleicht auch gar kein so großes Interesse an Karriere haben. Sie zitiert den französischen Soziologen Didier Eribon, der untersucht, wie aus einst kommunistischen Arbeitern Wählern des Front National werden konnten. Dass ist oft erhellend, ordnet ein, rundet ab.

Dass Taubert ihre Porträtierten ständig liebevoll bis gönnerhaft Ossiboys nennt oder auch meine süßen Ossiboys, zeigt die Grenzen des Buchs: Viele der Porträtierten wirken so, als wollten gerade sie als Ostler jetzt besonders gute, progressive Westdeutsche sein. Das Ostdeutschsein schwingt dabei altersbedingt nur als Halbton nach. Taubert konstatiert selbst: “Die meisten Männer, die ich im Verlauf des Jahres getroffen habe, fühlen sich nicht fremd im eigenen Land, sondern vertraut, wohl und richtig. Sie wissen um die Narben ihrer Eltern und der Infrastrukturen ihrer Herkunft, empfinden sie aber nicht als eigene Entstellung, die sie bis heute isoliert.“

Die Autorin weiß, dass sie Leute aus ihrer Filterblase beschreibt. Auch deshalb hat sie zusätzlich den Grummel-Troll aufgenommen. Dass macht ihre Porträts eindimensionaler als die bei Wander oder auch als die Männerprotokolle Christine Müllers, 1985 im Buchverlag “Der Morgen” erschienen. Oder denkt man vielleicht in einer Gesellschaft, in der alles möglich ist oder scheint, in der ständig etwas ver- und gekauft sein will, einfach nicht so intensiv über sich selbst nach wie in einer geschlossenen Gesellschaft?

Ach so: Die Punkband, die im Autolautsprecher und auf Seite 67 singt „Du warst in Moskau und Miami, in Mailand, Tokio und Neu Delhi, in Phnom Penh und Angkor Wat. Und wo war ich? In Eisenhüttenstadt“ – die heißt Acht Eimer Hühnerherzen. Schnoddrig-starker Song.

Und ein starkes Porträtbuch, das ein, zwei, viele Lanzen für Ostmänner bricht. Als schlussgültige Erklärung des Ostmannes ist es nicht geeignet. Das wäre in etwa so wie eine Beatles-Biographie, die ohne Paul und Ringo auskommt. Oder wie eine Erläuterung des Rock-’n'-Roll am Beispiel von Showaddywadddy.

Das Buch ist im Aufbau-Verlag erschienen, hat 249 Seiten und kostet 20 Euro. Über den Link im vorigen Satz finden Sie auch eine Leseprobe.

Zum Weiterstöbern:

Website von Wir sind der Osten
Interview des Magazins Republik mit Didier Eribon
Website von Acht Eimer Hühnerherzen
S
howaddywaddy mit dem Song When (auf Youtube)

 

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