Bild zeigt ungleiche FischeDer Corona-Virus birgt eine noch unentdeckte Gefahr: dass sich danach Politik und Medien, öffentliche und veröffentlichte Meinung noch weniger für Ostdeutschland interessieren.

Weil es ja auch mal genug sein muss mit dem ewigen Gejammer. Weil wir durch Corona doch alle gelitten haben. Weil es pietätlos ist, bei so vielen Corona-Toten jetzt wieder mit den ollen Kamellen von der Treuhand anzukommen. Eine solche Haltung würde die Diskussion um Jahre zurückwerfen.

Vor diesem Hintergrund ist ein Vorschlag besonders interessant, den der Bürgerrechtler Klaus Wolfram im November 2019  geäußert hat. Am Ende seiner Rede vor den Mitgliedern der Akademie der Künste sagter er, so en passant: Wenn die demokratische Kompetenz von 1989 eine eigene Stimme hätte, würde sie heute für eine Generalamnestie plädieren. Weil die Gewaltlosigkeit des Umbruchs ein Verdienst beider Seiten sei. Also: keine Regelanfrage mehr zur Mitarbeit beim MfS.

Der Rechtsstaat und die Gerechtigkeit

So ein Vorschlag wird vielen gegen den Strich gehen, die in und unter der DDR gelitten haben. Aber wahr ist auch: Die juristische Aufbereitung ist zu Ende. Sie hat zu rund 75.000 Ermittlungsverfahren gegen rund 100.000 Verdächtige geführt. Von den Ermittlungsverfahren führten 1,4 Prozent zu einer Anklage. Das ist so etwa jedes achtzigste. Von den 1.734 angeklagten Personen wurden 54 Prozent verurteilt. Ein knappes Viertel der Angeklagten wurde freigesprochen, bei einem Fünftel wurde das Verfahren eingestellt – wegen Geringfügigkeit, Verhandlungsunfähigkeit oder Tod der Angeklagten. Und dass es nicht mehr Anklagen und Verurteilte waren, hat nicht etwa daran gelegen, dass es die Justiz nicht nach Kräften versucht hätte.

Seit dem Ende der DDR aber ist die Melodei vom Unrechtsstaat der Grund-Sound des Redens über die getrennte, gemeinsame deutsche Vergangenheit. Wie ein eingängiger Bass hat sie den Rhythmus vorgegeben, der alles andere überlagert hat. Es dröhnte die Wut der tatsächlichen Dissidenten. Es stimmten ein die spätberufenen Widerstandskämpfer aus Ost-CDU, LDPD, NDPD. Dazu noch der protestantisch-eifrige Gospel der SDP-Gründer (die Theologen der Ost-SPD) – und alles zusammen war Musik in den Ohren der einrückenden Eliten aus dem Westen.

Begleitmusik für  den Einkaufsbummel im Ost-Discounter
Mit diesem Dauerlärm fiel es ihnen leichter, die Perlen der Volkseigenen Betriebe einzusammeln und ins eigene Portfolio einzugliedern. Mit dem Singsang vom Unrechtsstaat im Ohr schien es ein dringendes Erfordernis von Ethik und Moral, die komplette DDR-Wissenschaft und sonstige ostdeutsche Funktionseliten zu evaluieren, zu degradieren oder ganz abzuwickeln. Die Empörung des Wahlvolks hochzuhalten, taugte immer mal wieder eine Stasi-Akte.

Der Eindruck, der sich bei vielen Westdeutschen dadurch ergeben hat: Alles Stasi außer Mutti (und bei der hat wohl einer noch rechtzeitig die Akte verschwinden lassen). Pardon, und außer Wolf Biermann natürlich. Auch Ostlern kam die Stasi-Diskussion durchaus zupass. Das MfS war ein idealer Sündenbock. Man schickte ihn in die Wüste. Und ersparte sich dadurch das Nachdenken über die eigene Verstrickung in die geisttötende Piefigkeit.

Ein jetziger Schluss-Strich würde helfen, sich den Skandalen zu widmen, die den Osten zum Deutschland zweiter Klasse machen: Dass das via Treuhand verkaufte Volkseigentum an Betrieben, Wäldern, Äckern, Immobilien zu 85 Prozent an westdeutsche Käufer ging. Und zu nur 5 Prozent an ostdeutsche. Dass es in Ostdeutschland dreißig Jahre nach dem Beitritt 81 Universitäten gibt, aber keinen einzigen ostdeutschen Rektor. Dass bei einem ostdeutschen Bevölkerungsanteil von rund 17 Prozent nur 1,7 Prozent der Führungsspitzen in Deutschland aus dem Osten stammen. Dass selbst in Ostdeutschland nur 23 Prozent der oberen Führungskräfte Ostdeutsche sind. Das ist so, als würde die bayerische CSU von Fischköppen und Sachsen angeführt. Seit Jahrzehnten.

Ostdeutsche haben kaum eine Lobby. Was auch an ihnen selbst liegt. Ostler haben bei ihren Nachwende-Karrieren oft versucht, ganz besonders gute Westler zu werden: “Dass merkt man ja gar nicht, dass du aus dem Osten kommst”, ist in diesem Sinne eher eine Watsche als ein Kompliment. Viele brauchten Jahrzehnte, den Schockzustand der Nachwendezeit und dessen Sprachlosigkeit zu überwinden.

Jetzt steht manchmal in den Zeitungen, dass Ostler besser mit Corona zurechtkämen. Weil leere Regale und Einschränkungen der Freiheit nichts Ungewohntes für sie seien. Das mag bei manchen so sein. Aber auch nach Corona wird das Einkommen im Osten im Schnitt mehr als ein Viertel geringer sein als im Westen und das Vermögen nur halb so hoch.


In eigener Sache: Ich habe eine sogenanne Opfer-Akte der Stasi. Vier oder fünf Informelle Mitarbeiter haben über mich Berichte verfasst. Darin stand meist Läppisches. Dass mir die Attestierung einer „Anti-Haltung“ beruflich geschadet hat, ist möglich, aber nicht nachweisbar. Ich sehe mich weder als Opfer noch als Täter. Ich habe gelebt, gearbeitet, gelernt, getan und unterlassen.

Weitere Informationen:
Rede Klaus Wolframs
Die strafrechtliche Aufarbeitung von DDR-Unrecht. Fakten und Zahlen

 

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