Buchcover

Papier ist geduldig. Bildschirme sind es auch. Ungeduldig ist der Betrachter. Finden Text und Bild auf Anhieb zusammen, freut ihn das. Umso mehr, wenn das so leichthin passiert, wie oftmals bei Fischer und Mensch.

Tin Fischer und Mario Mensch führen in ihrem Buch vor, wie Grafiken Textaussagen auf den (Bild-) Punkt bringen: Gute Karten. Deutschland, wie Sie es noch nie gesehen haben. Fischer ist Datenjournalist. Mensch setzt Daten in Grafiken um.

Aufgewachsen ist Fischer in der Schweiz. “Ossis und Wessis? Für uns alles Schwaben”, beschreibt er die Sicht vom Schweizer Ufer des Bodensees. Mittlerweile in Berlin ansässig, hat er für sein Buch die Perspektive gewechselt. Er will Proportionen zurechtrücken und dabei zeigen, “wo Deutschland wirklich liegt auf der Welt.” Weshalb das Buch nicht nur von Senfeiern und Gartenzwergen handele, sondern auch von Kohlestrom und Kolonialismus.

So zeigt eine Grafik unter der riesigen Überschrift Sämtliche afrikanische Kulturgüter, die Deutschland bisher zurückgegeben hat, deren Zahl: ganze drei. Das macht Eindruck. Bilder verstärken die Wirkung von Zahlen und Standpunkten.

Die Karte Relative Größen beschreibt, wie trügerisch Karten sein können. Ostdeutschland wirke auf Karten derart groß, dass der Betrachter meinen könne, seine Bevölkerung mache ein Drittel Deutschlands aus – “lassen Sie mal Ihr Umfeld schätzen.” In Wirklichkeit sei es ein Fünftel.

Oha. Die sollen sich nicht immer so wichtig nehmen, die paar Ossis, oder was will der Autor damit sagen? Misstrauisch geworden, geht der Rezensent auf die Suche nach einem Narrativ. Und da findet er sie auch schon, die Karte Wo die AfD über 18 Prozent erreicht. Sie ist gleich neben der Karte Wo mehr als 2,5 Prozent Nicht-EU-Ausländer leben. Wenn Sie die eine Karte fast ausschließlich im Osten, die andere fast ausschließlich im Westen eingefärbt vermuten: Sie vermuten richtig. Eindrucksvoll auch die Karte mit den ganz, ganz vielen Stasi-Standorten in der DDR. Ist Ostdeutschland wirtschaftlich abgehängt? fragt eine weitere Karte. Und gibt gleich die Antwort: Je nachdem, womit man es vergleicht. Verglichen mit Westdeutschland zwar schon. “Im Vergleich zu den meisten Regionen Frankreichs nicht.”

Das noch nicht wieder vereinigte Deutschland weiter vorn im Buch zeigt ein differenzierteres Bild: Die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland hätten sich verringert, beständen aber weiter – beim Einkommen von 115 auf 27 Prozent; beim Vermögen besäßen Westdeutsche noch etwa das Doppelte.

Eine Auswahl weiterer Karten mit ostdeutschem Bezug im Buch: In Hamburg werde im Vergleich am wenigsten nach Sexstellungen gegoogelt, in Sachsen-Anhalt dagegen doppelt so oft wie in der Hansestadt. Wann in der DDR die Stimmung kippte (knapp vor Schluss – laut Befragung von Westdeutschen mit Bekannten in der DDR). Hat David Hasselhoff die Mauer niedergerissen und Deutschland vereint? Nein, wie Tourneedaten belegen. Drogen im Abwasser (Chemnitz als Crystal-Meth-Hochburg, Berlin führt bei Kokain). Gartenzwerge werden am häufigsten in Thüringen gegoogelt. Das Spaßbad Tropical Island in Brandenburg ist in der Fläche so groß wie der Vatikan.

Was auch Eindruck machen würde, im Buch aber nicht vorkommt: eine Karte ostdeutscher Universitäten (81) in Verbindung mit ostdeutschen Rektoren (0). Oder eine Karte, wie viele der von der Treuhand verkauften Betriebe an Ostdeutsche ging (5 Prozent). Oder eine Karte, welchen Anteil Ostdeutsche am gesamtdeutschen Führungspersonal haben (1,7 Prozent). Oder eine, wer vom Führungspersonal in Ostdeutschland ostdeutsch ist (23 Prozent). Ist das jetzt genörgelt? Natürlich. Die Gedanken sind frei und die Bücher sind es und die Grafiken auch. Aber die Schweizer Sicht des Autors ist wohl einer eher westdeutschen gewichen.

Das Buch zeigt bestürzende Karten: Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte (beschämend viele). Wie viel Bewegung Mastschweine haben (0,75 m²). Es zeigt aber vor allem jede Menge verspielte, weiterdenkenswerte Aufbereitungen: Erste Male im Leben (Sex mit 16/Frau und 17/Mann, Burnout mit 47/52, Kreuzfahrt mit ca. 60, Nobelpreis mit 67). Wo trotz allem Weintrauben wachsen (auch knapp vor Usedom). Wann der ADAC die Katholische Kirche überholt (2021/22). Und Deutsche auf Wikipedia. In den weltweit 292 Wikipedia-Ausgaben ist Adolf Hitler in 211 aufgeführt, Karl Marx in 186, Goethe in 173, Luther in 166, Kohl in 98, Honecker in 70. Und Christa Wolf immerhin so oft wie Dieter Bohlen: 48-mal. Was lehrt uns das? Nun, das liegt ganz im Auge des Betrachters.

Ein Buch voller Schnurren, garniert mit Aufklärer-Sauce. Ein Augenschmaus, und das Auge isst ja immer mit. Wobei der Rezensent es als einfacher Textarbeiter im Weinberg der Herren eher mit den Buchstaben hält: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Darauf einen Dujardin ein Glas Rotkäppchen-Sekt.

Das Buch ist bei Hoffmann & Campe erschienen, hat 216 Seiten und kostet 25 Euro. Weitere Karten aus dem Buch finden Sie auf der Website des Autors.

 

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