Buch-CoverIn seinen Rückblicken bietet Diestel eine scharfe Mischung aus Biografie, Schnurren und Einblicken in die Politik. Wobei es den Leser gelegentlich schüttelt. Und: Man beachte die Zeitform Gegenwart im Titel.

Stimme der DDR
hat eine besondere, wenn auch weitgehend einseitige Beziehung zum Autor: Peter-Michael Diestel war der allererste, der die kleinen großen Fragen hier im Blog beantwortet hat. Das war 2011, als es in Deutschland noch nicht von Ost-Erklärern wimmelte. Auch deshalb ist die Besprechung dieses Buchs dem Rezensenten ein besonderes Vergnügen.

Diestel ist der Mann mit dem breiten Kreuz. Er war der letzte Innenminister der DDR, CDU-Fraktionschef in Brandenburg, Präsident von Hansa Rostock, Melker mit Abitur. Er ist Rettungsschwimmer und Jurist. Nicht mehr lange, wie er kokettiert: Seine Erfolge als Anwalt erklärt er damit, dass wegen seiner Muskeln immer sein Intellekt unterschätzt würde. Und dass dieses Überraschungsmoment sich langsam abnutze … Ja, der einst schönste Innenminister der Welt hält immer noch viel von sich. Womöglich zu Recht.

Diestels Vorfahren stammen von der Mecklenburger Scholle. Sein Vater ist Major zunächst der Wehrmacht, später der NVA und Dozent an der DDR-Militärakademie. Seinen Sohn hat er nie gedrängt, in die SED einzutreten. Was Diestel auch nicht tut. Stattdessen ist er einer der Gründer der Deutschen Sozialen Union, die sich als Schwesterpartei der CSU versteht und bei der Volkskammerwahl 1990 Teil der Allianz für Deutschland ist. Er verlässt die immer zerstrittenere DSU, die in der Volkskammer mit radikalen Forderungen auffällt. Wie dem sofortigen Beitritt zur Bundesrepublik – eine unsinnige Idee auch angesichts einer halben Million sowjetischer Soldaten in der DDR und der Furcht Osteuropas vor einem neuen Großdeutschland.

Hünen, Zwerge und Minister
Diestel geht zur CDU, ist aber eher die wandelnde Überparteilichkeit. Das Buch beginnt er mit der Würdigung des ersten Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg nach dem Krieg, eines SED-Politikers mit SPD-Vergangenheit. Er schätzt Menschen nach dem Charakter, nicht nach dem Parteibuch. In der westdeutschen Politik sei das eher unüblich, wie er bald feststellen muss. Ein Beispiel für diese Intriganz: die Angebote seiner Berater aus Bayern noch zu Zeiten des Runden Tischs, ihn im Wahlkampf mit Material gegen den SPD-Konkurrenten Ibrahim Böhme zu unterstützen. Der heiße nämlich gar nicht Ibrahim, sondern Manfred, und sei außerdem seit 20 Jahren bei der Stasi. Diestel findet solche Politik unsauber und lehnt ab. Und verblüfft in einer Sitzungspause Böhme, den er zufällig auf der Toilette trifft, mit der Anrede: “Manfred, den Strahl immer schön flach halten in diesen revolutionär bewegten Zeiten.“ Die Stasi-Bombe gegen Böhme lässt dann später der Spiegel detonieren.

Dossiers gegen Aufmüpfige, die bei Bedarf hervorgeholt werden. Die Abwicklung der Stasi. „Todfreund“ Günther Krause. Der Einigungsvertrag und ein Lothar de Maizière, der nach einem Vier-Augen-Gespräch mit Helmut Kohl sehr verändert wirkt. Helmut Kohl, der seine CDU verdonnert, Stefan Heyms Eröffnungsrede als Alterspräsident des Bundestags mit Steingesichtern zu quittieren und dies später bedauert. Willi Sitte, der Helmut Kohl nicht malen mag, Diestel aber schon. Und dazwischen immer wieder markante Sätze, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für die ostdeutsche Seele: “Die herrschenden Kreise Westdeutschlands haben sich mit Erpressung, Lügen und Intrigen den Osten unter den Nagel gerissen und dies der Welt und auch dem eigenen Volk als Sieg von Demokratie und Menschenrechten verkauft.“

Im Buch geben auf jeweils einer Seite auch Weggefährten ihre Sicht auf Diestel wieder, deren Bahn er auf die eine oder andere Weise gekreuzt hat: der Politiker Egon Bahr, der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, Olympiasieger Udo Beyer, Ko-Ko-Jongleur Alexander Schalck-Golodkowski, Ober-Spion Markus Wolf, „Euch Uwe“ Seeler, Manfred Stolpe, Gregor Gysi, auch Egon Krenz … Sie finden gute Worte für den Menschen Diestel. Was nun in einer Autobiografie nicht verwundert, aber durch die unterschiedlichen Positionen der Beteiligten für sich spricht.

Mit Diestels Rückblick auf die ehemalige Deutsche Kratsche Plik können sich vermutlich viele ihrer einstigen Bewohner anfreunden: “Ich mochte die DDR mehr aus der Ferne. Und nun, wo sie weg ist, liebe ich sie, weil die Gefahr ihrer Wiederkehr so ziemlich gebannt ist. Ich kenne niemanden, der diesen Staat, so wie er am Ende verfasst war, zurückhaben möchte. Dennoch bin ich froh, dass es ihn gegeben hat und wir unsere Erfahrungen machen konnten. Kapitalismus ist, nüchtern betrachtet, nämlich auch ganz schön langweilig: Die Schuhe sind ziemlich ausgelatscht.“

Die politische Einheit Deutschlands ist hergestellt. Die gesellschaftliche Einheit ist ein ganz anderes Paar Schuhe, wie Diestel in seinen amüsant-bissigen Rückblicken zeigt. Und falls Sie ein neues Paar Schuhe suchen: Irgendwo ist in diesem unserem Kapitalismus immer gerade Schlussverkauf.

Das Buch ist im Verlag Das Neue Berlin der Eulenspiegel-Gruppe erschienen, hat 284 Seiten, ein Personenregister und kostet 22 Euro.  Am 23. September um 19.00 Uhr gibt es in Berlin eine öffentliche Buchpremiere. Weitere Lesungen folgen in Neubrandenburg, Dresden, Schwerin, Rostock und Schkeuditz.

 

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