Björn Höcke ist Landesvorsitzender der AfD in Thüringen. Und  beim ZDF zum Interview. Dabei verliert die AfD. Und dann verliert auch der Journalismus.

WasBild zeigt mit Scrabble-Buchstaben den Schriftzug "Loser" zuerst geschieht: Vereinbart ist, dass Höcke sich zu seiner bundespolitischen Bedeutung und zu seinem Sprachgebrauch befragen lässt. Das Interview beginnt der ZDF-Journalist mit einem Einspieler. Der bringt Äußerungen Höckes in Zusammenhang mit dem Hitler-Buch “Mein Kampf”. Später bohrt der ZDF-Mann nach, wieso Höcke einen von den Nazis verwendeten Begriff wie “Lebensraum” benutze, den er in Reden auch noch mit einer Kunstpause hervorhebe. Nach zehn Minuten greift der Pressesprecher ein. Er sagt, Höcke sei emotionalisiert. So könne das Interview nicht gesendet werden. Er regt deshalb an, noch einmal anzufangen. Jetzt wisse Höcke, worum es gehe. Und sei deshalb besser auf solche Fragen vorbereitet. Der ZDF-Mann lehnt das ab. Im Dreier-Gespräch wirbt Höcke dann noch um Verständnis für seine Angespanntheit. Er komme von einer fünfstündigen Sitzung des Verfassungsgerichts. Und er moniert, dass der Interviewer in einer gesellschaftlich aufgeheizten Situation mit seinen Fragen zur Polarisierung beitrage. Wenn er dieses Spiel weitertreibe, “dann haben wir ein manifestes Problem und dann wird das entsprechende Konsequenzen haben. .. . massive Konsequenzen“. Er sagt, dass er diesem Journalisten keine weiteren Interviews geben werde. “Vielleicht werde ich mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Land. Könnte doch sein.“ Man einigt sich nicht mehr und verabschiedet sich per flüchtigem Handschlag.
Soweit alles üblich. Wenn Journalisten sich darauf einlassen, ein Interview so lange zu wiederholen, bis es dem Interviewten gefällt, wird aus Journalismus PR.

Was danach passiert:
Das ZDF stellt das fehlgeschlagene Interview trotzdem online, auch in verschriftlichter Form. Der ZDF-Chefredakteur nennt das “die transparenteste Lösung“. Fast parallel läuft die Empörungsmaschinerie an:
ZDF: “AfD-Spitzenkandidat in Thüringen. Björn Höcke bricht ZDF-Interview ab und droht”
Die Zeit: Björn Höcke bricht Interview mit dem ZDF ab” “… nicht ohne dem Journalisten mit Konsequenzen zu drohen”

Warum das ein Problem ist: Auch zahlreiche andere Medien berichten in einer Tonlage, als hätte Höcke den Journalisten persönlich bedroht. Dass das ZDF das Nicht-Interview online stellt, kritisieren sie dabei nicht. Dabei ist Höcke weder der erste noch der letzte Politiker, der Interviews abbricht oder missliebigen Journalisten Interviews verweigert. Nur dass in diesen Fällen die Interviews dann nicht trotzdem publiziert werden. Einigermaßen ernüchternd ist auch die Tonalität in den Leserkommentaren unter den Berichten. Wer als Leser abgewogen kommentiert und nicht gleich auf Höcke eindrischt, wird sofort bezichtigt, “AfD-Fanboy“ zu sein und/oder gemeinsame Sache mit Nazis zu machen. Es passiert genau das, was Höcke im Gespräch bedauert, ob er nun heuchelt oder nicht: Teile der Gesellschaft reden nicht mehr miteinander. Sondern poltern aggressiv gegen jeden, der anderer Meinung ist. Natürlich hat die AfD ihren Anteil an diesem Krakeel des Aneinandervorbei.

Höcke macht in dem Interview keine gute Figur, aber auch keine ganz schlechte. Seine doppeldeutigen Äußerungen zum Nationalsozialismus, die darum betteln, auch eindeutig verstanden werden zu können, sind ein guter Grund, dieses Interview so zu führen, wie es geführt worden ist. Aber wenn Höcke im von ihm dann als inoffiziell erachteten Gespräch bedauert, dass eine vertrauliche Zusammenarbeit von Politiker und Journalist nicht möglich sei, weil man das Gefühl habe, “dass der Journalist nicht mehr neutral ist, sondern dass er irgendwie einen politischen Auftrag exekutiert“, dann gibt ihm der Umgang mit dem Interview im Nachhinein recht.

Wer Höcke für einen Demagogen gehalten hat, wird ihn auch nach dem Interview dafür halten. Wer glaubt, die meinungsführenden Medien des Landes würden die AfD unfair behandeln, wird sich bestärkt fühlen. Was aber noch passieren kann: dass die meinungsführenden Medien auf diesem Wege ihre Meinungsführerschaft peu à peu endgültig verlieren. Und das dürfte eigentlich das Letze sein, was sie wollen. Es sei denn, sie verstehen sich ohnehin schon als reine Verkäufer. Von Meinungen, Advertorials und Kongressen.

Das Interview ist kein Mahnmal der Schande für den Journalismus. Aber Sternstunden sehen anders aus. Das absolute Gegenteil einer Win-Win-Situation nennt man wohl Lose-Lose-Ereignis. Das war eines.

 

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