1. Welche Begriffe verbinden Sie spontan mit der DDR?
    Einfachheit. Unendliches Fernweh. Aus nichts etwas Schönes machen. Mehr Ruhe. Naturfarben / Grautöne. Den goldenen Mittelweg suchen zwischen Tagesschau und Aktueller Kamera.
  2. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
    Kein Verpackungsmüll. Keine  Belästigung durch die ewigen Titten-Bilder und allgegenwärtige Pornografie. Gefühlte Gleichberechtigung der Frau. Spaß in der Jugendherberge. An Bambina und Nougatstange. Danke, Mama.
  3. Woran denken Sie ungern zurück?
    An die Phrasendrescherei, derer manche sich befleißigten und der man nur schwer entrinnen konnte. An mein permanentes Unverständnis dafür, dass weltfremder Unsinn als offiziell richtig hingestellt wurde. Also: Im Berufsalltag ständig Ohren zuhalten, Kopf schütteln und Humor aufbringen müssen. Das war extrem lästig.
  4. Wie verlief Ihr Berufsweg?
    Besprengt mit Wermutstropfen. Beworben hatte ich mich für Medizin. Aus Mangel an Bedarf in jenem Jahr wurde ich umgelenkt: Auf Deutsch-Russisch-Lehrer.Damit stürzte eine Welt zusammen. Das Beste draus machen blieb als einzige Möglichkeit. Zu meiner Überraschung war das Studium im Bereich Germanistik/Slawistik unheimlich spannend. Ein Jahr Russland/ Woronesh – die wirklich große weite Welt, Steppe und interationales Wohnheim. Die Rückkehr in die DDR war für mich wie aus dem Gartenbeet zurück in einen Gartenschlauch gepresst zu werden. Angebot für ein Forschungsstudium in Deutscher Literaturgeschichte. Wende: Der Forschungsbereich an meiner Hochschule wurde abgewickelt, mein Professor ging in den Westen. Also: Keine Promotion. Aber dafür: Tätigkeit als Lehrerin bis heute.
  5. Was haben Sie in der Freizeit getan?
    Wir hatten Tiere bei uns zu Hause: Rehbock, Schafe, Jagdhund, Katze, Wildschwein etc. In der Natur sein, Stricken mit Wolgast-Wolle, Gedichte schreiben, lesen, backen, klöppeln, schnitzen, baden gehen, ins Poetenlager fahren, angeleitet von Autoren und Malern. Sobald in der Stadt: Ausgehen und Kultur, ins Kino, Theater, Konzert.
  6. Wen aus der DDR verehren Sie besonders und wofür?
    Den genialen Schauspieler Eberhard Esche.  Sein Deutschland. Ein Wintermärchen im Deutschen Theater ist mir heute noch im Ohr. Er  ging mit der Biermann-Affäre nicht in den Westen, sondern blieb. Und damit ein gutes Gefühl.
  7. Was hat Ihre DDR-Vita besonders geprägt?
    Der ständige Versuch, irgendwie mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Wir hatten zu Hause viele internationale Freunde, sofern das möglich war ohne “Westverwandte”. Unsere Familie pflegte Kontakte in alle Richtungen außerhalb der DDR, von USA bis Kasachstan – alles wurde stets misstrauisch beäugt und von der Stasi überwacht. Funkauto vor unserem Haus, aufgerissene Liebesbriefe. Die dicke Stasiakte meines Vaters spricht Bände. Dieses Misstrauensverhaltnis war völlig unnötig.
  8. War das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander anders als heute?
    Wenn ich heute zum Nacktschwimmen oder in die Gemischt-Sauna gehe, meine ich auf Anhieb herausfinden zu können, welcher Mann aus dem Osten und welcher aus dem Westen ist. Der aus dem Westen glotzt mich an, als ob es da was umsonst gibt, der aus dem Osten sieht mich einfach als Frau an. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen! Ich fand das Verhältnis zwischen Mann und Frau rein und unbeschwert, völlig natürlich. Wenn wir miteinander sprachen und lachten, dann gab es keine Hintergedanken. (Will die mich etwa, weil ich mehr Geld habe? Was für`n Quatsch.) Heute hat unbeschwerter Verkehr oft den Touch des Unmoralischen. Das stört mich.
  9. Welche Meinung hatten Sie 1990 zur Wiedervereinigung?
    Das war eine atmberaubend aufregende Zeit. Im Studentenwohnheim schauten wir zum ersten Mal die Aktuelle Kamera im Fernsehraum. Daggi sagte: Ich versteh das nicht! Was is´n hier los? Ich sagte: Wir sind in eine revolutionäre Zeit hineingeboren!  Das ging so plötzlich, so schnell.  Ich war sehr stolz und glücklich. Das erste Mal in Westberlin hat mich extrem angewidert. Diese Aufdringlichkeit, mit der überflüssige Waren angepriesen werden, darunter die Frau als Ware. Dieser Verpackungsmüll. Igitt. Dass die Menschen von jeder Seite – Ost und West – sich das Beste nehmen, um gemeinsam einen deutschen Staat zu gestalten, war natürlich eine Illusion. Der Kapitalist will bloß Geld verdienen. Das ist alles, was ihn interessiert, leider. Deshalb wurde ja nur der Beitritt in aller Eile vereinbart. Es gab keine echte Wiedereinigung.
  10. Welche Meinung haben Sie heute zum vereinten Deutschland?
    Der Manipulation durch die Medien kann heute nur noch entgehen, wer ganz ausschaltet. Zudröhnung mit Werbung und anderen unnötigen Informationen nicht mehr zulässt. Das Geschwätz vom “Höher-Schneller-Weiter” gibt es im Heute und Hier genauso wie damals. Ein belastendes Überangebot an Waren, die niemand braucht. Zu viel Schein, zu wenig Sein.
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2 Responses to Heike, 44, Berlin, Lehrerin

  1. Ich bin hier über Google auf den Blog gestossen. Bitte nicht falsch verstehen, aber ich wollte eins mal wissen, wieviel Besucher habt ihr denn so täglich? Habt Ihr die Seite für Suchmaschinen optimiert?? Oder hat sich das eher von allein im Internet herumgesprochen und dementsprechend Links aufgebaut?

  2. Redaktion sagt:

    Stimme der DDR hat jeden Tag 1,3 Millionen Besucher – so steht es zumindest in unserem Fünfjahrplan. ;)
    Der Blog ist jung. Die bisherigen Meinungen haben ihn über eine Pressemeldung gefunden, durch Zufall oder per Empfehlung – und auf dieses Weitersagen rechne ich, zett Beh mittels dieser quadratisch-praktisch guten Buttons weiter oben. Genügend interessante Meinungen und Biografien gibt es mit Sicherheit. Und mächtig gewaltig zu diskutieren zu den Meinungen und Biografien ebenfalls. Den Rest ergibt die Zeit.
    Ordnung und Fortschritt!

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