Nikolai Kondratjew (16.3.1882-17.9.1938)

Am 17. September vor 80 Jahren wurde der sowjetische Ökonom Nikolai Kondratjew nach acht Jahren Haft zum Tode verurteilt und am gleichen Tag erschossen. Seine Theorie der langen Wellen der Wirtschaftsentwicklung passte nicht in die sowjetische Ideologie vom Absterben des Kapitalismus.

Einem breiteren Publikum bekannt wurde Kondratjew durch die Werke des österreichisch-amerikanischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter (1883–1950), der erstmals von Kondratjew-Zyklen schrieb. Ein Kondratjew-Zyklus ist demnach eine Langzeitwelle von 40–60 Jahren.

Die Anhänger der Theorie haben seit dem 18. Jahrhundert fünf solcher Zyklen ausgemacht. Ausgelöst werden sie immer von Basis-Innovationen, die eine Knappheit beseitigen. Die Dampfmaschine als Basis-Innovation führt zum Beispiel dazu, dass aus Manufakturen Fabriken werden, die Massenware herstellen. Der Abschwung beginnt, als die Märkte der näheren Umgebung gesättigt sind. Für eine überregionale Expansion sind die Transportkosten zu teuer. Diese Wachstumsgrenze wird dann im nächsten Kondratjew-Zyklus überwunden – mit der Erfindung des Stahlschiffs und der Eisenbahn sinken die Transportkosten um den Faktor 200.

Was wird der neue Boom?
Die letzte Basis-Innovation nach dieser Rechnung ist die Informationstechnologie. Der durch sie verursachte Produktivitätsschub ist aber bereits vorbei. Weil sich in diesem Wellental Investitionen nicht rentieren, gibt es kaum Kreditnachfrage, entsprechend niedrig sind die Zinsen und das Geld fließt in Spekulationen. Ein neuer Boom entsteht dann erst durch die nächste lange Welle.

Und welche könnte das sein? Hier sind die Kondratjew-Anhänger uneins. Die Digitalisierung? Die Nano-Technologie? Die Gesundheit, als Ganzes verstanden, inklusive Klimaschutz und Betriebsklima? Das könnte passen. Der wichtigste Faktor des Wirtschaftswachstums ist die Produktivität. Und hier bringen Technologie, Forschung, Fachwissen und Organisation immer weniger Wettbewerbsvorteile, weil sie sich weltweit angleichen. Produktivitätsfortschritte entstehen eher durch weiche Faktoren, wie Kooperationsfähigkeit, Einsatzbereitschaft, Motivation, soziale Kompetenz und ein gutes Betriebsklima. Und dann wären da noch Freundlichkeit, Kreativität, Angstfreiheit, Solidarität, Verantwortungsbewusstsein. Das Betriebsklima so zu gestalten, dass es die Produktivität fördert, ist die Herausforderung für jedes Management. Vielleicht wird der nächste Kondratjew-Zyklus ja tatsächlich salutogenetisch.

Die meisten Makroökonomen lehnen Kondratjews Theorien ab. Aber sind diese Wirtschaftswaisen nicht dieselben Burschen, die mit ihren eigenen Prognosen regelmäßig danebenliegen?

Weitere Informationen: Kondratieff.net

 

Einen Kommentar hinterlassen

Your email address will not be published.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>